Stein für Stein – Wenn Politik Mauern baut, statt sie abzutragen. Mein Kommentar zum Besuch des Bundeskanzlers in Kiew.
Bertha von Suttner, Ahiṁsā und die Architektur der Worte des Friedens
Was wäre, wenn die entscheidende Frage unserer Zeit nicht mehr lautet, wer in einem Krieg die größere militärische Stärke besitzt, sondern wer den Mut besitzt, die Mauern des Krieges abzubauen? Und was geschieht mit einer Friedenspolitik, wenn ihre Sprache vom Frieden spricht, ihre politischen Instrumente aber weiterhin vor allem der Logik militärischer Konfrontation folgen?
Bertha von Suttner hat mit ihrem Lebenswerk eine Frage gestellt, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat: Wie kann die Menschheit aus der Logik des Krieges herausfinden?
Bertha Sophia Felicita Freifrau von Suttner, geborene Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau, Pseudonyme: B. Oulot, Jemand (* 9. Juni 1843 in Prag, Kaisertum Österreich; † 21. Juni 1914 in Wien), war eine österreichische Pazifistin, Friedensforscherin und Schriftstellerin. Sie wurde 1905 als erste Frau mit dem seit 1901 vergebenen Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Ihr berühmter Ruf „Die Waffen nieder!“ war dabei niemals nur ein Appell an die Soldaten. Er war ein Appell an das politische Denken.
Denn solange wir glauben, Frieden müsse durch immer größere Fähigkeit zur Gewalt hergestellt werden, bleiben wir innerhalb derselben Logik, die den Konflikt überhaupt erst dauerhaft macht.
Der Krieg kann enden – aber Frieden muss entstehen
Die Geschichte kennt viele Kriegsenden.
Durch militärische Niederlagen.
Durch Kapitulation.
Durch Machtverschiebungen.
Durch Waffenstillstände.
Durch Verhandlungen.
Doch das Ende eines Krieges ist noch nicht der Frieden.
Darum lautet ein zentraler Satz des Friedenscodes:
«Ein Krieg kann durch Waffen beendet werden. Frieden kann nicht durch Waffen geschaffen werden.»
Eine Waffe kann zerstören.
Eine Waffe kann abschrecken.
Eine Waffe kann einen Gegner zurückdrängen.
Eine Waffe kann eine militärische Entscheidung erzwingen.
Aber eine Waffe kann kein Vertrauen schaffen.
Sie kann keine Beziehung heilen.
Sie kann keine historische Verletzung versöhnen.
Sie kann keine gemeinsame Zukunft entwerfen.
Und sie kann keine gerechte Friedensordnung hervorbringen.
Frieden beginnt dort, wo die Logik der Gewalt durch eine andere Logik ersetzt wird:
durch Recht, Dialog, Verständigung, Vertrauen und gemeinsame Verantwortung.
Merz in Kyjiw – und die Frage nach den Mauern
Am 4. Oktober 2026 ist Bundeskanzler Friedrich Merz nach Kyjiw gereist und hat der Ukraine die weitere Unterstützung Deutschlands zugesichert. Die Bundesregierung betont dabei ausdrücklich, dass Deutschland an einem dauerhaften und gerechten Frieden arbeitet und die Unterstützung der Ukraine fortsetzen will.
Gleichzeitig wird über die Freigabe von einer Milliarde Euro bereits im Bundeshaushalt eingeplanter Militärhilfe berichtet.
Die Bundesregierung begründet diese Politik anders, als ein Friedenscode sie beurteilen würde: Merz hat wiederholt erklärt, militärische und wirtschaftliche Unterstützung solle den Druck auf Moskau erhöhen und Russland zu einem Ende des Krieges und zu ernsthaften Verhandlungen bewegen.
Das ist die politische Begründung.
Doch genau hier beginnt die eigentliche Friedensfrage.
«Wenn das Ziel Frieden ist: Bauen wir mit dieser Politik gerade eine Brücke zum Frieden – oder bauen wir weitere Steine in die Mauer der Konfrontation?»
Diese Frage ist legitim.
Sie ist keine Feindseligkeit gegenüber der Ukraine.
Sie ist keine Rechtfertigung der russischen Aggression.
Sie ist keine Relativierung des Leids der ukrainischen Bevölkerung.
Sie ist eine Frage nach der Wirksamkeit des eingeschlagenen Weges.
Denn der Friedenscode fragt nicht nur:
«Was wollen wir erreichen?»
Er fragt auch:
«Welche Dynamik erzeugt unser Handeln tatsächlich?»
Wenn Friedenspolitik die Mauer höher werden lässt
Hier liegt der entscheidende Punkt.
Eine politische Entscheidung kann mit der Absicht getroffen werden, Frieden zu schaffen – und dennoch eine Dynamik verstärken, die den Weg zum Frieden schwieriger macht.
Das ist die ethische Herausforderung jeder Friedenspolitik.
Wenn immer neue militärische Mittel bereitgestellt werden, entsteht zunächst mehr militärische Handlungsfähigkeit.
Aber gleichzeitig kann sich die politische Logik des Konflikts weiter verfestigen.
Die Front bleibt der Ort der Entscheidung.
Militärische Stärke bleibt das zentrale Instrument.
Der Gegner wird weiterhin unter Druck gesetzt.
Die Gesellschaften bleiben mobilisiert.
Die Feindbilder bleiben lebendig.
Und der Verhandlungstisch bleibt gegenüber dem Schlachtfeld politisch nachgeordnet.
Genau hier setzt die Kritik des Friedenscodes an.
Nicht an der Absicht.
Sondern an der Logik des Mittels.
«Wenn wir Frieden wollen, müssen wir irgendwann aufhören, den Krieg als hauptsächlichen Weg zum Frieden zu behandeln.»
Denn sonst entsteht ein Paradox:
Wir wollen Frieden.
Aber wir organisieren weiterhin die Bedingungen der Konfrontation.
Wir sprechen von Verhandlungen.
Aber wir denken weiterhin primär in militärischen Kategorien.
Wir wünschen uns das Ende des Krieges.
Aber die politische Vorstellungskraft bleibt an den Krieg gebunden.
Die Mauer hat viele Steine
Die Mauer zwischen Russland und der Ukraine besteht heute nicht nur aus militärischen Frontlinien.
Sie besteht aus:
Angst.
Misstrauen.
Verlust.
Trauma.
Territorialen Ansprüchen.
Sicherheitsinteressen.
Nationalen Identitäten.
Historischen Erinnerungen.
Politischen Interessen.
Feindbildern.
Und natürlich aus Waffen.
Jede dieser Dimensionen braucht eine eigene Antwort.
Aber Waffen können nur einen Teil davon beeinflussen.
Sie können keine historische Erinnerung heilen.
Sie können kein Vertrauen erzeugen.
Sie können keine Versöhnung schaffen.
Sie können keine gemeinsame europäische Sicherheitsordnung formulieren.
Sie können keinen zukünftigen Friedensvertrag unterschreiben.
Deshalb muss die Politik irgendwann vom Instrument des Krieges zum Instrument des Friedens wechseln.
Stein für Stein – was bedeutet das politisch?
Wenn Bertha von Suttners Bild vom Abtragen einer Mauer ernst genommen wird, dann bedeutet Friedenspolitik:
Stein für Stein herausnehmen.
Einen Stein des Misstrauens.
Einen Stein der Angst.
Einen Stein der Feindbilder.
Einen Stein der Vergeltung.
Einen Stein der Entmenschlichung.
Einen Stein der militärischen Eskalation.
Einen Stein der politischen Sprachlosigkeit.
Und dafür neue Steine setzen:
Dialog.
Vermittlung.
Recht.
Sicherheitsgarantien.
Humanitäre Vereinbarungen.
Vertrauensbildung.
Wiederaufbau.
Kulturelle Verständigung.
Gemeinsame Sicherheitsinteressen.
Und schließlich Versöhnung.
Das bedeutet nicht, dass alle Fragen sofort gelöst werden können.
Es bedeutet, dass die Richtung verändert wird.
Der Friedenscode fordert einen Strategiewechsel
Deshalb lautet die politische Konsequenz des Friedenscodes:
«Die weitere Spirale der Waffenlieferungen muss beendet und durch eine konsequente Friedensinitiative ersetzt werden.»
Das ist keine Forderung nach Gleichgültigkeit.
Es ist auch keine Forderung, Recht und Sicherheit aufzugeben.
Im Gegenteil.
Es ist die Forderung, Sicherheit nicht länger primär als militärische Überlegenheit zu definieren.
Sicherheit bedeutet auch:
Rechtssicherheit.
Verlässliche internationale Vereinbarungen.
Schutz der Zivilbevölkerung.
Vertrauensbildung.
Diplomatische Kommunikation.
Gemeinsame Sicherheitsinteressen.
Und die Gewissheit, dass Konflikte nicht immer wieder auf dem Schlachtfeld ausgetragen werden müssen.
Ahiṁsā – der tiefere Perspektivwechsel
Hier erhält Ahiṁsā seine politische Bedeutung.
Ahiṁsā bedeutet nicht:
„Lass Unrecht geschehen.“
Ahiṁsā bedeutet:
«Mache Gewalt nicht zum Fundament der Beziehung.»
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Eine Gesellschaft kann sich verteidigen und gleichzeitig nach Wegen suchen, die Gewaltspirale zu beenden.
Ein Staat kann seine Sicherheitsinteressen schützen und gleichzeitig diplomatische Lösungen vorbereiten.
Ein Mensch kann Unrecht klar benennen, ohne den anderen zu entmenschlichen.
Ahiṁsā verlangt deshalb nicht weniger Klarheit.
Sie verlangt mehr Bewusstsein.
Der innere Wandel und die politische Verantwortung
Hier schließt sich der Kreis.
Die äußere Mauer wird von Menschen gebaut.
Und Menschen tragen ihre inneren Mauern in die Politik.
Angst wird zur Sicherheitspolitik.
Misstrauen wird zur Strategie.
Kränkung wird zum Nationalismus.
Rache wird zur Vergeltung.
Feindbilder werden zu politischer Sprache.
Darum kann eine Friedensordnung nicht dauerhaft entstehen, wenn sich das Bewusstsein der Menschen nicht ebenfalls verändert.
Der innere Wandel bedeutet:
Vom Feind zum Gegenüber.
Von der Angst zur Erkenntnis.
Vom Rechthaben zum Verstehen.
Von der Vergeltung zur Verantwortung.
Von der Konfrontation zum Dialog.
Von der Macht über den anderen zur Verantwortung für das Ganze.
Die eigentliche Frage an Europa
Europa steht deshalb vor einer historischen Frage.
Nicht nur:
«Wie können wir die Ukraine unterstützen?»
Sondern:
«Wie können wir dazu beitragen, dass dieser Krieg tatsächlich endet?»
Das sind zwei unterschiedliche Fragen.
Die erste kann militärisch beantwortet werden.
Die zweite braucht eine politische, diplomatische, rechtliche und menschliche Antwort.
Und genau diese zweite Frage muss wieder ins Zentrum rücken.
Denn Europa darf nicht nur eine Sicherheitsgemeinschaft sein.
Es muss auch eine Friedensgemeinschaft sein.
Eine Gemeinschaft, die Konflikte nicht nur abschreckt, sondern lösen kann.
Eine Gemeinschaft, die nicht nur Stärke demonstriert, sondern auch Vermittlung beherrscht.
Eine Gemeinschaft, die nicht nur auf Bedrohungen reagiert, sondern Friedensfähigkeit entwickelt.
Frieden braucht einen anderen Mut
Es braucht Mut, Waffen zu liefern.
Aber es braucht eine andere Art von Mut, irgendwann zu sagen:
Jetzt müssen die Waffen schweigen.
Es braucht Mut, militärische Stärke zu organisieren.
Aber es braucht vielleicht noch mehr politischen Mut, den Verhandlungstisch zum eigentlichen Zentrum des Handelns zu machen.
Es braucht Mut, Sicherheit zu verlangen.
Aber es braucht Weisheit, Sicherheit so zu gestalten, dass sie nicht dauerhaft auf der Unsicherheit des anderen beruht.
Das ist die Herausforderung.
Die Waffen nieder – Stein für Stein
Bertha von Suttners Botschaft kann deshalb heute zu einem inneren und politischen Auftrag werden:
«Die Waffen nieder – nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in unserem Denken.»
Denn solange wir innerlich im Krieg bleiben, werden wir immer neue Gründe finden, den Krieg äußerlich fortzusetzen.
Die erste Waffe, die niedergelegt werden muss, ist das Feindbild.
Dann die Verachtung.
Dann die Rache.
Dann die Sprache der Entmenschlichung.
Und schließlich die Vorstellung, dass Frieden nur aus der militärischen Schwächung des anderen entstehen könne.
Der Friedenscode setzt dagegen eine andere Architektur:
Wahrheit ohne Hass.
Gerechtigkeit ohne Rache.
Stärke ohne Gewaltverherrlichung.
Dialog ohne Naivität.
Empathie ohne Relativierung des Unrechts.
Frieden ohne Verdrängung der Wahrheit.
Und deshalb lautet die entscheidende Frage unserer Zeit nicht:
«Wer kann länger Krieg führen?»
Sondern:
«Wer besitzt die politische und menschliche Vorstellungskraft, den Krieg tatsächlich zu beenden?»
Eine Friedenspolitik, die immer neue Mauern der Konfrontation errichtet, bleibt hinter ihrem eigenen Ziel zurück.
Eine Friedenspolitik muss beginnen, die Mauern abzutragen.
Stein für Stein.
Gedanke für Gedanke.
Wort für Wort.
Verhandlung für Verhandlung.
Vertrauen für Vertrauen.
Und irgendwann:
Waffe für Waffe nieder.
Denn Frieden ist nicht einfach der Moment, in dem die Waffen verstummen.
Frieden ist die Fähigkeit des Menschen, dafür zu sorgen, dass sie nicht wieder aufgenommen werden müssen.
Das ist der innere Wandel.
Das ist politische Verantwortung.
Und das ist die eigentliche Architektur der Worte des Friedens.