Dienstag, 10. Februar 2026

Der Namen Gottes

 Der Name Gottes


Wer ruft den Namen des Unnennbaren? Und warum drängt eine endliche Sprache danach, das Unendliche festzulegen? Ist es Gott, der einen Namen braucht – oder ist es der Mensch, der sich an Namen festhält, um sich im Mysterium nicht zu verlieren?



Gott ohne Namen – vom Schweigen des Absoluten und der Sehnsucht des Menschen


In der katholischen Kirche flammt immer wieder eine Debatte auf, die auf den ersten Blick modern wirkt, in Wahrheit aber uralt ist: Muss Gott einen Namen haben? Und weitergehend: Ist Gott männlich, weiblich oder genderfähig? Diese Fragen entspringen einem ehrlichen Wunsch nach Nähe, Beziehung und Gerechtigkeit – doch sie verkennen oft die eigentliche Dimension dessen, was mit „Gott“ gemeint ist.


Denn Gott, so die klassische Theologie ebenso wie die großen Weisheitstraditionen Indiens, ist kein Wesen unter Wesen, kein Individuum, kein Objekt, das man eindeutig benennen könnte. Gott ist nicht Mensch, nicht Form, nicht manifest – sondern absolut, allgegenwärtig, zeitlos und unbegrenzt.


Warum Namen entstehen – und warum Gott ihrer nicht bedarf


Ein Name erfüllt im Menschlichen mehrere Funktionen:


Er grenzt ab


Er individualisiert


Er macht ansprechbar


Er schafft Beziehung im Raum und in der Zeit



Doch genau hier liegt das Problem: Ein Name setzt eine Grenze voraus. Was benannt wird, ist von anderem unterscheidbar. Was unterscheidbar ist, ist endlich.


Schon Thomas von Aquin betonte, dass alle Namen Gottes nur analog seien – Annäherungen, keine Definitionen. Gott sei actus purus, reines Sein, jenseits aller Kategorien. Ähnlich radikal formuliert es Meister Eckhart:


> „Gott ist ein namenloses Sein, und wer ihm einen Namen gibt, verfehlt ihn.“



Auch die Bibel selbst ist hier erstaunlich zurückhaltend. Im Buch Exodus (3,14) antwortet Gott auf die Frage nach seinem Namen mit dem berühmten:

„Ich bin, der ich bin“ (Ehyeh Asher Ehyeh) – kein Eigenname, sondern ein Seinsausdruck. Kein Wer, sondern ein Dass.


Gott und Gender – eine Kategorie zu viel


Die Frage nach der Geschlechtlichkeit Gottes entspringt verständlichen sozialen und ethischen Anliegen. Doch metaphysisch ist sie fehlgeleitet. Geschlecht ist eine Eigenschaft von Körpern, von biologischen oder symbolisch verkörperten Wesen. Gott jedoch ist – in klassischer Theologie wie in der Mystik – reines Bewusstsein, reines Sein, reine Gegenwart.


Schon Augustinus schrieb:


> „Wenn du es begreifst, ist es nicht Gott.“



Männliche oder weibliche Bilder sind pädagogische Metaphern, keine ontologischen Aussagen. Gott ist nicht männlich, sondern jenseits von Polarität. Ebenso wenig ist Gott weiblich – und doch kann sich das Göttliche in beiden Bildern spiegeln, ohne sich darin zu erschöpfen.


Vedanta: Brahman – das Unbenennbare schlechthin


In der Vedanta-Philosophie, insbesondere im Advaita Vedanta, wird diese Einsicht noch radikaler formuliert. Das Absolute heißt hier Brahman – nicht als Gott im personalen Sinn, sondern als unendliches, attributloses Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit (Sat–Chit–Ananda).


Die Upanishaden sind eindeutig:


„Neti, Neti“ – Nicht dies, nicht das (Brihadaranyaka-Upanishad)


„Yato vāco nivartante aprāpya manasā saha“ –

„Dorthin kehren Worte und Gedanken zurück, ohne es erreicht zu haben“ (Taittiriya-Upanishad)



Brahman kann nicht benannt, nicht gedacht, nicht beschrieben werden. Namen (Nāma) und Formen (Rūpa) gehören zur manifesten Welt – Māyā –, nicht zum Absoluten selbst.


Die sechs Systeme indischer Philosophie – ein gemeinsamer Kern


Auch wenn sich die sechs klassischen Darśanas unterscheiden, teilen sie einen zentralen Gedanken:


1. Nyāya & Vaiśeṣika – arbeiten mit Logik und Kategorien, erkennen aber ein transzendentes Prinzip jenseits aller Begriffe an.



2. Sāṃkhya – unterscheidet klar zwischen Purusha (reines Bewusstsein) und Prakriti (Natur). Purusha ist namenlos, formlos, geschlechtslos.



3. Yoga (Patañjali) – spricht von Īśvara, jedoch als besonderes Bewusstsein, nicht als personaler Gott im menschlichen Sinn.



4. Mīmāṃsā – verzichtet weitgehend auf einen personalen Gott und konzentriert sich auf das kosmische Gesetz (Dharma).



5. Vedanta – kulminiert in der Erkenntnis: Atman ist Brahman. Das Selbst und das Absolute sind eins – jenseits aller Namen.



Mythologie als Sprache der Nähe, nicht der Wahrheit


Indische Mythologie kennt tausend Namen Gottes – Vishnu, Shiva, Devi, Krishna. Doch gerade diese Vielfalt ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis: Keiner dieser Namen ist absolut. Sie sind Zugänge, nicht Definitionen.


Ramakrishna brachte es schlicht auf den Punkt:


> „Wasser heißt Wasser, Jal oder Pani – doch der Durst wird immer vom selben Wasser gestillt.“



Oder mit den Worten Shankaras:


> „Brahman ist wirklich, die Welt ist Erscheinung; das individuelle Selbst ist nichts anderes als Brahman.“



Der Name Gottes – eine menschliche Krücke


Namen sind Hilfsmittel für den Geist, nicht Eigenschaften des Absoluten. Sie helfen zu beten, zu singen, zu lieben – doch sie dürfen nicht mit der Wirklichkeit selbst verwechselt werden. Wer Gott festlegt, verkleinert ihn. Wer Gott benennt, macht ihn verfügbar. Wer Gott gendert, zieht ihn in menschliche Kategorien herab.


Vielleicht ist das Schweigen ehrlicher als jedes Wort.


Wie Laozi sagte – und hier berühren sich Ost und West:


> „Der Name, der genannt werden kann, ist nicht der ewige Name.“



Kurze Zusammenfassung


Gott braucht keinen Namen, weil Namen Begrenzung bedeuten


Gott ist jenseits von Geschlecht, Form und Kategorie


Christliche Mystik und Vedanta treffen sich im Unnennbaren


Die Upanishaden lehren: Das Absolute entzieht sich Sprache und Denken


Namen dienen dem Menschen – nicht Gott



Am Ende bleibt nicht ein Name, sondern eine Erfahrung. Nicht ein Begriff, sondern Gegenwart. Nicht ein Gott, den man anspricht – sondern ein Sein, in dem man ruht.